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Diagnose „Depressionen und Panikstörung“

Ich sass zitternd in diesem Wartezimmer, während meine Mutter vorsichtig versuchte, mich zu beruhigen. Sie war dabei, weil sie auch die Wochen davor schon immer dabei war. Weil ich einfach nichts mehr alleine machen konnte, nicht mehr alleine sein konnte. Nicht, weil mir körperlich etwas fehlte, sondern weil meiner Psyche etwas fehlte. Oder etwas zu viel da war.

Ich stand mitten im Leben, war frische 26, hatte meine Weiterbildung hinter mir und wollte die Sommermonate geniessen, hatte Reisepläne, Lust zu feiern und zu leben. Daraus wurde aber keine grosse Party, sondern drei Monate auf dem Sofa meiner Eltern. Hier kannst du nachlesen, wie es damals angefangen hat.

Eine Panikstörung bedeutet eigentlich so viel, dass dein Gehirn irgendwann gelernt hat, was Panik bedeutet und sich diesen Prozess abgespeichert hat. Aus dem Nichts denkt nun also dein Gehirn dich ein wenig fertig zu machen und dir eine Panikattacke unterzujubeln. Es ist, bei mir zumindest, nicht an irgendwas gebunden. Also egal, ob ich Zuhause in meinem sicheren Hafen oder im Kino unter 100 anderen Menschen bin, der Panikstörung ist das pupsegal.

Eine Panikstörung hat dich voll im Griff. Sie schleicht sich an und du merkst es nicht, bis es dich mit voller Wucht trifft. Bis du das Gefühl hast, gleich an einem Herzinfarkt zu sterben, zu ersticken oder einfach tot umzufallen. Weil genau so ist es. Genau so denkst du.

Du zitterst, dein Herz rast, dir wird schwindlig, du bekommst kaum noch Luft. Bam, jetzt fällst du tot um.

Genau wegen diesem Gedanken konnte ich wochenlang nicht alleine sein und es musste sich immer jemand in meiner Nähe befinden.

Wir sassen also in diesem Wartezimmer. Ich wollte rennen, so weit wie möglich. Nur ein paar Wochen zuvor hatte ich bereits meine ersten Erfahrungen mit einer Psychiaterin gesammelt. Und ich wollte nicht noch einmal ein solches Erlebnis. Einatmen, Ausatmen – es war, als hätte ich vergessen, wie man atmet.

Diagnose Depressionen und Panikstörung - butfirstcreate.com

Diese meinte, mich sofort verstanden zu haben, sofort zu wissen, was Sache ist. Dabei wusste sie noch gar nichts ausser meinen Namen und mein Alter. Sie meinte, in meinem Alter sei das meist wegen der Abnabelung von den Eltern, weil man auszieht, sich sein eigenes Leben aufbaut. Dass ich aber schon sieben Jahre zuvor ausgezogen bin und nie ein Problem damit hatte, alleine zu wohnen – im Gegenteil, ich genoss es richtig! – wollte sie gar nicht hören. Sie verschrieb mir irgendwelche Medikamente, die mir helfen sollten und nicht schaden würden, falls nicht.

Ich fühlte mich ignoriert, unverstanden und völlig fehl am Platz. Ich hatte zum Glück den Mut, die zweite Sitzung frühzeitig abzubrechen und ging völlig aufgelöst nach Hause, um mir die Augen auszuheulen. Nie wieder zu einem Psychiater, schwor ich mir.

Es wurde aber wieder schlimmer. Und schlimmer. Mein Hausarzt wechselte. Der Neue bat mich irgendwann darum, unbedingt zu seinem Bekannten, einem Psychiater, zu gehen und versprach mir, dass ich mit ihm einen kompetenten Arzt finde. Der mir helfen kann. Und zwar schnell. (Kleine Anmerkung: bei einer Panikstörung bedeutet schnell nicht gleich in zwei, drei Tagen, sondern mehr in zwei, drei Wochen – vor allem wenn es um Medikamente geht).

Und er konnte mir helfen. Obwohl ich mir ein paar Wochen zuvor schwor, nicht mehr zu einem dieser Ärzte zu gehen. Aber bei dem Kennenlerngespräch, bei dem er darum bat, meine Mutter mitzunehmen, welche meinen Verlauf mitbekommen hat, wurde mir sofort klar, dass es hier anders ist. Dass es gut war, eine zweite Chance zu akzeptieren.

Depressionen und Panikstörung? Bitte, was?

Ich glaube, wir sassen etwa zwei Stunden auf diesen Stühlen, beantworteten Fragen, erzählten, reflektierten.

Und ich ging zu vier weiteren Sitzungen. Bis er sich sicher genug war mit seiner Diagnose: Depressionen und Panikstörung. Und natürlich die Angst vor der Angst.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das Ergebnis hätte mich nicht überrascht. Es hat mich schlussendlich mit einer vollen Wucht getroffen. Schliesslich wusste ich bis dann nicht, dass Depressionen noch so viele andere Facetten hatte, als die, die ich kannte. Dass eine Panikstörung fest verankert im Gehirn sein kann, ohne dass du wirklich getriggert werden musst, um eine Panikattacke zu haben.

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    1 Comment

    • geraldine
      Februar 7, 2020 at 09:29

      ohh, ich versteh dich. ich kämpfe mit Angstzudtänden nach meinem kleinen Schlaganfall letzten Sommer. Mir hat ein Neuropsychologe auf der Reha geholfen. Es ist besser, aber nicht weg. Ich will keine Medikamente, das muss ich auch so schaffen. Und wir schaffen das! 😉
      glg, Geraldine

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