Die letzten sechs Monate habe ich hauptsächlich damit verbracht, gegen eine Krankheit zu kämpfen, welche für mich bis dahin noch völlig unbekannt war und von der ich dachte, sowieso nie darunter zu leiden. Seit über sechs Monaten habe ich eine Angststörung.

Bei meiner ersten Panikattacke Ende Juni war ich gerade auf dem Weg zu meinen Eltern, um den Geburtstag meiner Mutter mit einem Mittagessen nachzufeiern. Ich weiss noch, dass ich an diesem Morgen zeitig aufgestanden bin, um mich gemütlich fertig zu machen, bevor ich die 70 Kilometer mit dem Auto zu meinen Eltern fuhr. Es ging mir eigentlich richtig gut, ich hatte den ganzen Morgen etwas gezittert und wusste nicht wieso – ich schob es auf die dritte Tasse Kaffee und dachte mir nichts weiteres dabei.

Etwa in der Mitte des Weges wurde das Zittern plötzlich schlimmer, ich merkte, wie mein Herz zu rasen und ich wie verrückt zu schwitzen begann. Ich hatte Mühe, zu atmen und mich auf das Fahren zu konzentrieren. Ich versuchte es damit, die Musik lauter zu stellen und mitzusingen, um mich abzulenken, aber es half nichts. Also nahm ich die nächste Ausfahrt, die zum Glück keinen Kilometer mehr entfernt war und hielt bei der nächsten Möglichkeit an. Ich rief meinen Eltern an und unter Tränen bittete ich sie, mich abzuholen, da ich nicht wusste, was mit mir los ist. Bis sie bei mir waren, hatte ich mich bereits einigermassen beruhigt, ich war aber noch sehr aufgelöst und hab dann neben Mama im Auto nur noch geheult.

#HEARTTOHEART – Plötzlich bist du krank - butfirstcreate.com

Die nächsten zwei Tage blieb ich dann bei ihnen, ehrlich gesagt, weiss ich nicht mehr, wie es mir da erging. Ich weiss nur noch, dass ich mich dann nach langem Zureden endlich getraut habe, den Arzt anzurufen, damit ich einen Termin bekomme. Meine Mutter begleitete mich, da ich mich nicht mehr traute, alleine zu fahren. Bei diesem Termin kam heraus, dass ich eine verschleppte Bronchitis hatte, ich bekam Antibiotika und wurde für die restliche Woche krank geschrieben.

In dieser Zeit hatte ich immer wieder solche Anfälle mit Zittern, Schwindel, Herzrasen oder Atemnot und schob es einfach auf die Bronchitis, welche mir das Atmen erschwerte und dadurch der Körper mit anderen Symptomen reagierte. In der folgenden Woche schleppte ich mich zur Arbeit. Um es auf gut Deutsch auszusprechen, es ging mir beschissen. Die Atemnot kam immer häufiger und das Herzrasen wurde von Tag zu Tag intensiver und häufiger.

Ich meldete mich wieder beim Arzt. Meine Lunge wurde geröntgt, ich machte einen Lungenfunktionstest und es gab ein grosses Blutbild. Und dabei kam absolut nichts Auffälliges raus. Bis auf einen Mangel von Folsäure und Vitamin D. (Vitamin D – Mangel im Sommer, really? Ich war ständig an der Sonne, aber meinem Körper scheinbar doch zu wenig.)

Ich bekam Präparate für Folsäure und Vitamin D und einen Asthma-Spray, welchen ich für Notfälle, für meine Atemnot, bekam und im Notfall verwenden sollte. Und wurde nochmal für eine Woche krank geschrieben. Ach, und ich bekam Temesta (Lorazepam), ein Beruhigungsmittel, ein Benzodiazepin, nachdem meine Mutter meinem Arzt an der Rezeption erzählte, wie sie einer dieser Anfälle erlebte. Für Notfälle. Ich wusste da schon, dass ich dieses Medikament nicht nehmen werde, auch wenn es noch schlimmer werden sollte. Ich hatte Angst davor.

Ich schleppte mich wieder zur Arbeit. Es wurde nicht besser. Ich lag manchmal auf dem Boden im Büro, zwischen Staub und Computerkabel und war kurz davor, jemanden zu bitten, mich ins Krankenhaus zu fahren, weil ich davon überzeugt war, gleich zu sterben. Also entschloss ich mich dazu, meine Sommerferien ein paar Tage vorzuziehen fuhr mit meinen Eltern noch am selben Abend in den Urlaub. Vielleicht lag es ja einfach nur am Stress oder an der Menge Arbeit, die ich hinter mir hatte in den Wochen zuvor. Also, raus aus dem Alltag, rein in die Sonne. Sonne soll helfen, Sonne bewirkt Wunder, Urlaub sowieso.

Denkste. Der Urlaub war.. scheisse. Wegen mir, wegen meinem Zustand. Ich hatte in den drei Wochen genau zwei gute Tage. Zwei Tage, an denen ich den Campingplatz verlassen konnte, ohne bereits im Auto wieder zu zittern, unter Atemnnot zu leidern oder zu heulen. Meine Eltern taten mir leid, ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie beide eine erholsame Zeit verdient hatten, ein paar schöne Tage, mit Ausflügen. Mit mir in diesem Zustand? Unmöglich. Mich alleine lassen? Noch unmöglicher. Ich weiss, dieses Wort gibt es nicht, aber so war es. Aber in dieser Zeit merkten wir, dass es nicht nur etwas Körperliches sein konnte, denn ich hatte auch gute Phasen. Vor allem wenn ich mich auf etwas konzentrieren konnte. Also fiel zum ersten Mal das Wort Panikattacke. Ich lies in Rekordzeit vier Bücher zu diesem Thema – und alles passte und ich wurde innerlich endlich wieder etwas ruhiger. Organisch war bei mir ja alles okay und meine Anfälle, mein Zustand, passte perfekt auf die Beschreibungen in den Büchern.

Ich kam besser zurecht mit den Panikattacken, von welchen ich damals täglich bis zu sieben Stück hatte, aber meine Stimmung wurde von Tag zu Tag schlechter und nichts konnte mich mehr aufheitern. Ich wollte nicht mehr aus dem Bett, ich wollte nicht mehr essen, ich wollte gar nichts mehr. Nur noch den Kopf in den Sand stecken. Ich hätte doch niemals gedacht, dass mir jemals etwas passiert. Sowas geschieht anderen, doch nicht einem selbst. Von sowas hört man nur im Fernseher, oder über Bekannte von Bekannten von Bekannten. Ihr wisst, was ich meine.

Nach dem Urlaub war ich mir sicher, dass ich diese Panikattacken auch ohne ärztliche Hilfe loswerde und ging zur Arbeit. Ein paar Tage lief es gut, ich war frohen Mutes und fast schon etwas überschwänglich. Bis alles zurückkam und zwar fast noch etwas heftiger. Und ich ging erneut zum Arzt. Man sprach mich bereits beim Eintreten mit meinem Namen an, so oft wie ich da war, kannten mich natürlich alle. Also erzählte ich meinem Arzt von meinem Urlaub, der nur aus Angstsymptomen bestand. Wir waren uns einig, es waren Panikattacken, denn auch erneute Untersuchungen brachten nichts organisches hervor. Panikattacken und Hyperventilation, ziemlich sicher auch Depressionen, meinte er. Ich fiel nochmal aus allen Wolken. Jetzt hiess es auch noch Depressionen? Ich? Really? Ob er mich bei einem Psychiater anmelden solle, fragte er mich. Und ich weiss noch, wie ich ihn mit grossen Augen ansah und ihn schon fast anflehte, es mich zuerst alleine probieren zu lassen.

Nobody can save you but yourself – and you’re worth saving. It’s a war not easily won but if anything is worth winning – this is it.

Er verschrieb mir ein Anti Depressiva mit angstlösender Wirkung. Und dann folgten die wohl zwei schlimmsten Wochen meines Lebens, körperlich gesehen. Bevor es dann endlich besser wurde. Ich werde in einem zweiten Teil darüber schreiben, wie meine erste Zeit mit dem Medikament verlief und wie es weiterging. Und immer noch weiter geht.

Aber für heute ist es genug, der Beitrag ist glaube ich bisher der längste meiner über zweihundert Blog Posts!

Warum ich öffentlich auf meinem Blog darüber schreibe?
Ich habe mich bewusst dazu entschieden, auf meinem Instagram-Account – und nun auch auf meinem Blog – darüber zu schreiben. Es ist mir nicht peinlich. Über alles redet die Gesellschaft, aber bei psychischen Krankheiten wird geschwiegen. Dabei ist es nichts, wofür man sich schämen muss. Ganz im Gegenteil: ich habe gemerkt, dass es mich als Mensch wachsen lässt, dass ich die Welt ein bisschen anders sehe und nicht mehr mit halb geschlossenen Augen durch die Welt gehe. Sondern bewusst, im Hier und Jetzt. Und trotzdem hat es mehrere Monat gedauert, bis ich mich endlich getraut habe, alles in Worte zu fassen und den Beitrag zu veröffentlichen. Es ist kein Beinbruch, den man sehen kann. Es ist keine Viruserkrankung, die nach wenigen Tagen wieder abgeheilt ist. Dabei leidet jeder vierte Mensch einmal in seinem Leben an einer psychischen Krankheit. Jeder. Vierte. Fünfundzwanzig Prozent der Menschheit. Vielleicht streift sie ihn nur, aber sie passiert.