Ich bin kein Mensch der vielen Worte. Das war ich noch nie. Ich rede nicht einfach so vor mich hin, oder erzähle von Anfang bis Ende eine Geschichte. Ich bin kein Plappermaul. Wenn ich mich mit jemandem auf einen Kaffee treffe, bin ich die, die zuhört. Nicht, weil man mich nicht reden lässt. Ich habe einfach noch nie viel gesagt. Ich höre zu, gespannt und interessiert. Ich war schon immer gut im Zuhören. Aber im Reden nie.  Ich bin nicht schweigsam. So meine ich das nicht. Aber ich bin meist der ruhige Part eines Gesprächs. Nicht der unkonzentrierte, passive Part, nur der ruhige Teil. Wieso das so ist, das weiss ich nicht. Aber es war nie etwas, das mich an mir selber gestört hat.

Irgendwann habe ich das Schreiben für mich entdeckt und seither schreibe ich. Das fällt mir so viel leichter. Die Worte fliessen ohne Lücken, ohne eine Barriere. Beim Sprechen brauche ich meist viel zu lange, um die richtigen Worte zu finden. Ich bin jemand, dem die besten Argumente erst nach einem Streit einfallen, nicht währenddessen. Jemand, bei dem erst nach einem ernsten Gespräch die Worte einfallen, die man hätte sagen sollen, die von einem schon fast erwartet wurden. Jemand, dem die Antworten auf die Frage des Lehrers erst in dem Moment einfallen, als jemand anderes aufgerufen wird.

Sunday Brunch - Ruhig nicht schuechtern

Früher wurde ich oft gefragt, ob ich schüchtern sei. Ruhig, nicht schüchtern, antwortete ich immer. Das sei doch exakt das Gleiche, antwortete man mir ständig. Nein, das ist es nicht. Schüchtern ist, wenn man sich nicht traut zu sprechen. Ruhig ist, wenn man einfach nicht immer gleich die richtigen Worte findet.

Früher wurde mir gesagt, ich sei arrogant. Weil ich in der Bar nicht irgendwelche Geschichten erzählt habe. Weil ich nicht ungefragt davon geredet habe, was ich gerade erlebt hatte. Ich bin keine der Personen, die ohne Probleme ein Gesprächsthema finden kann. Nicht, weil ich arrogant bin, sondern weil ich ruhig bin, weil ich viel lieber zuhöre. Weil ich andere Menschen lieber sprechen höre, als mich selbst. Mich selbst höre ich den ganzen Tag. Zumindest meinen Kopf.

Mittlerweile merke ich, wie ich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, immer ein wenig lauter werde. Ich kann mittlerweile ungefragt sagen, wie es mir geht. Ansprechen, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Und ich kann meine Geschichten erzählen, nachdem ich zugehört habe. Von Anfang bis Ende.